content
Dachlogo_Content
birgit poppke ++ content-redaktion ++ programmierung ++49-69-74309863
content programmierung schulungen kontakt/impressum
Textproben
[ich möchte zurück zur Textproben-Übersicht >>>]

Informationsgesellschaft und andere Prophezeiungen
ARTIKEL VON BIRGIT POPPKE ibusiness/Hightext Verlag

In mykenischer Zeit war Delphi ein Heiligtum in Griechenland, hier fand der Kult einer Schlange mit einer Schlangenpriesterin und einem berühmten Orakel statt. Männer kamen, um sich von der Priesterin Rat und Orientierung zu holen, denn es war eine unsichere Zeit mit vielen Veränderungen. 4000 Jahre später ist wieder ein Zeitalter voller Prophezeiungen angebrochen. Aus der "Wissenschaft" haben wir uns entfernt. Doch wenn wir nicht mehr "wissen", wie orientieren wir uns? Unser Zeitalter hat seine eigenen Priester.

Am Anfang: Der Kommunikationsforscher...
... und die Gesellschaft ohne Orientierung.
[mehr]

Glauben lernen und modular denken
Mehr Dimensionen gegen Linearität
[mehr]

In die Zukunft sehen, aber von der Vergangenheit lernen
Frauen können sich besser auf die Zuunft vorbereiten?
[mehr]

Weiblichkeit  ohne Thron
...und ohne Prophezeiungen!
[mehr]

Beratung für die Zukunft
Was Management-Berater wirklich tun.
[mehr]

Visionäre Tatkraft
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht?
[mehr]

* Am Anfang: Der Kommunikationsforscher

"Ich will Ihnen nicht zu nahe treten", sagt mir Kommunikationsforscher Norbert Bolz am Telefon, "aber nicht die Gedanken der immer einflußreicher werdenden Zukunftsberater und Trendgurus der Gegenwart sind wichtig, sondern das Phänomen selbst; Warum haben sie derzeit so viel Erfolg, warum sind sie so wichtig und verdienen so viel Geld?" Er empfiehlt mir, das Ganze als etwas Religiöses zu sehen, als ein gesellschaftspolitisches Problem der Orientierungslosigkeit.

Mit dieser Aussage könnte eigentlich schon alles gesagt sein: Die Trendgurus der New Economy etablieren ein Vielgötterei-System in einer Gott- und orientierungslosen Welt. Wir haben gelernt zu glauben. Bevor wir etwas wirklich wissen, glauben wir es. Wenn wir nicht an Gott glauben, glauben wir an den Kapitalismus oder die freie Marktwirtschaft, an Schönheitscremes oder schnelle Autos, an unsere Intelligenz oder stiil und heimlich an Horoskope. Wir glauben an die Freiheit, an Demokratie, Menschenrechte, Fairness oder Wahrheit. Unsere Gesellschaftstruktur basiert auf einer Kultur des Glaubens. Unser Wirtschaftssystem auf den Glauben an Geld, Technologie und Wissenschaft. Und inbesondere diese Glaubensrichtung hat die Machtstruktur unserer westlichen Welt entscheidend geprägt: Sie hat uns systematisches, lineares Denken gelehrt.

"Nichts ist uns heute mehr so fremd wie lineares, strukturiertes Denken", sagt Bolz, der seine Studenten und Studentinnen scharf beobachtet. Alles bekommt mehrere Dimensionen, es wird in Fragmenten gedacht, in Modulen, der Abschied von den linearen Strukturen habe bereits stattgefunden.

* Glauben lernen und modular denken

Es ist leicht nach zu vollziehen, dass eine Entwicklung von linearen zu mehrdimensionalen Strukturen eine ausgeprägte Orientierungslosigkeit in uns bewirkt. Aus einer Welt der Vielgötterei stammend, würde eine lineare Sichtweise der Welt umgekehrt die Angst vor einer starken Machtkonzentration in uns hervorrufen. Doch wir kommen aus einer kontrollierten Welt, die alles Wissen sorgfältig in Kästchen packt, und entwickeln uns in Richtung Unüberschaubarkeit und damit Machtlosigkeit.

Doch der neue - alles überstrahlende- Stern, unser neue Sonne am Firmament, leuchtet schon: In der Morgenröte ist unser globales Netzwerk, das Internet, für Glück, Erfolg oder Fluch der Zukunft verantwortlich: Es transportiert Information, regelt Kommunikation und schafft damit den "missing link" (die lang gesuchte Verknüpfung, Ossi Urchs) hin zu einer neuen Gesellschaftsordnung, der Informations- bzw. Kommunikationsgesellschaft.

Eng verbunden mit dem Wesen des Apollon (Gott des Lichtes und des Heils) waren die Weissagungen und die Orakelstätten, die Apollon in hoher Zahl besaß. Durch den Mund der von ihm inspirierten Seherin sprach der Gott zu den Gläubigen. Oft mußte Apollon von einem alten Orakel gewaltsam Besitz ergreifen, wie zum Beispiel in Delphi.

"Wir können die Hölle vermeiden, wenn wir Fähigkeiten und Emotionen richtig einsetzen". Es ginge nicht darum, die Zukunft zu prophezeien, sondern sich gut darauf vorzubereiten. Weil er solche klugen Sätze sagt, gilt Matthias Horx als derzeit einflußreichster Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum.

* In die Zukunft sehen, aber von der Vergangenheit lernen

Er ist mehr als ein Guru, sagt mir Norbert Bolz, er ist intelligent. Das Orakel sitze jetzt in Hamburg (das von Horx gegründetes Trendbüro). Aus seinen reichhaltigen Schriften entnehme ich: Horx scheint zu wissen, dass er nur eine seelische Stütze ist. Er beschwört die Gefahren der Zukunft, bannt sie vielleicht sogar.

Als Apollon nach Griechenland einwanderte, tötete er der Sage nach den Python (eine Schlange), übernahm als Ablöser des Matriarchats die nun ihm dienende Schlangenpriesterin Pythia samt allen überkommenden Bräuchen, einschließlich des heiligen Nabelsteins, der Delphi zum Nabel der Welt machte.

"Um ihn herum sind viele Frauen", sagt mir Christiane Friedemann, die für Matthias Horx das Frankfurter Zukunftsinstitut leitet, "Er kommt besser mit Frauen klar und schätzt ihre Fähigkeiten hoch ein". Das bestätigt er in vielen Interviews: "Frauen werden die Chefetagen stürmen, sie sind besser ausgebildet, kommunikativer und fleißiger". Männer dagegen seien dumm und faul.

Apollons Orakel gewann für die damalige Zeit Weltgeltung. Die Fragesteller,- es waren nur Männer zugelassen- badeten in einer Quelle, opferten und wurden in dann in das Adyton (Tempel) geführt.

2000-5000 Euro Honorar oder mehr nehmen die Management-Gurus, wenn sie zu den Key-Playern der Old Economy, den - größtenteils männlichen- Vorständen dieser Welt sprechen: Ossi Urchs, Tim Cole, Harald Summa, Paulus Neef, um nur einige (und die US-Gurus nicht) zu nennen, sind anerkannte Experten des Internets und deshalb Priester der Zukunft.

Die Pythia thronte auf einem Dreifuß über einem Erdspalt, aus dem betäubende Dämpfe qualmten und gab in Ekstase die Antwort, die von Priestern in Verse gebracht wurde.
* Weiblichkeit ohne Thron

Weibliche "Trendgurus"(guruine? gura?) sind im deutschsprachigen Raum immer noch schwer zu finden. Es gibt sie nicht, die europäischen "Esther Dysons" und "Faith Popcorns" (zwei einflussreiche amerikanische Trendforscherinnen- auch für US-Vorstandsetagen).

Nicht, dass sie ohne Visionen wären: Christa Maar beispielsweise, Leiterin der Burda Akademie 3000, sieht in der kommenden Wissengesellschaft einen Trend weg vom Wort hin zum Bild.

Jeanette Hofmann, deutsche Kandidatin für den Icann-Direktoriumsposten der neu gestalteten Internet - Regierung, sagte kürzlich in einem Interview: "Als Internetforscherin bin ich darauf spezialisiert, die "Religionskriege" in der Technikentwicklung von allen Seiten zu besehen. Mit meiner Kandidatur lasse ich mich darauf ein, öffentlich Farbe zu bekennen und Verantwortung für meine Auffassungen zu übernehmen". Die Pythia wird langsam zur Priesterin. Es geht ihr dabei vor allem darum, bewährte Formen der Konsensbildung im Internet zu bewahren. "Die innovative Kraft des Netzes bestand ja gerade darin, etablierte Macht- und Einflussstrukturen zu unterlaufen", sagt sie im spiegel online.

"Die berühmte amerikanische (26-jährige) Dee Dee Gordon ist eine Priesterin der Trendforschung", sagt mir Norbert Bolz, "gehen Sie mal in einer ihrer Veranstaltungen, sie inszeniert sich wie in einem Gottesdienst".

Sowohl Fälschungen als auch Bestechungen sind nachgewiesen, was jedoch die Bedeutung Delphis für Griechen und Nicht-Griechen nicht minderte. Befragungen privater, militärischer und politischer Natur informierten die Priester über alles Geschehen in Griechenland.

* Beratung für die Zukunft

Andersen Consulting, Mc Kinsey & Company, Boston Consulting Group, Cap Gemini, die Unternehmensberatungen spüren einem ebenso heftigen Aufschwung an Einfluß wie Gurus und Visionisten. Nicht ein Tag vergeht, an dem nicht eine neue Studie den nebligen Horizont ein wenig erhellen möchte. Die Studien versuchen empirisch nachzuweisen, was die Trendgurus denken, sie sind klassische Zweitverwerter und Großverdiener in einem. Der Wahrheitsgehalt ist dabei nicht entscheidend, kleine Unübersichtlichkeiten, Unkorrektheiten bis zu Fälschungen sind scheinbar üblich. "Informationen sind schnell. Wahrheit braucht Zeit", diesen Satz klaue ich von der Webseite der Netz-Künstlerin Rena Tangens. Sie läßt sich ebenfalls für das neue Icann-Internet-Diektorium aufstellen. "Wenn es für eine Start-up-Company nicht reicht, dann gründet man eben eine Unternehmensberatung", urteilt Norbert Bolz.

Immer war Delphi der Kopf und das Herz Hellas und durch zahllose Weihegeschenke, Schatzhäuser und dergleichen der reichste Ort Griechenlands.

Der Wert des Orakels liegt nicht an den Inhalten der Aussagen (die großen Prophezeiungen des Mittelalters beispielsweise konnten sogar mit der Androhung des Weltuntergangs massenweise Menschen begeistern), sondern an der Art und Weise der Formulierung. Ein Trendguru, der keine Sicherheit gibt, wo Unsicherheit herrscht, hat keinerlei Sinn, er hat versagt.

Je mehr es deshalb den Visionären gelingt, in ihren Aussagen die Gegenwartsform mit der Zukunftsform sprachlich sinnvoll zu verbinden ("Frauen werden die Vorstandsetagen stürmen, sie sind besser ausgebildet, sind kommunikativer...", Horx), also den gegenwärtigen Konsens, den Status quo, mit einer Möglichkeit, einem starken Impuls zu verbinden, desto erfolgreicher sind sie. Kopf und Herz, Beobachtung und Inspiration, die Pythia und die Priester bilden starke Synergien.

* Visionäre Tatkraft

Diese Fähigkeit Altes mit Neuem zu verbinden, ist aber auch unter dem Namen Kreativität bekannt. Sie ist auf spiritueller und philosophischer Ebene sicherlich genauso legitim wie auf allen anderen.

Die Entscheidungsgewalt bei allen Trends und Visionen, was Aberglaube ist und was Glaube sein darf, kommt erfahrungsgemäß sowieso nur einer Instanz zu: den Gläubigen.

Glauben also viele daran, dass der Kunde durch das Internet endlich König wird (Tim Cole), so wird er das sicherlich bald sein. Oder glauben alle, dass Langeweile unsere wirtschaftliche Zukunft tötet und es deshalb wichtig ist "funky" zu sein (Ridderstrale/Nordström), so werden wir bestimmt alle irgendwie "funky" sein. Glauben wir hingegen fest an die Aussage, dass die Frauen das Geschlecht der Zukunft sind (was Matthias Horx und Norbert Bolz sagen), und glauben immer mehr Menschen daran, dann werden, oh Wunder, die Machtverhältnisse sich ändern und das Geschlecht der Zukunft wird sicherlich weiblich sein, irgendwie. Das Phänomen der "sich-selbst-erfüllenden-Prophezeiung" kennen wir jedenfalls, so glauben wir.

Wir nennen unsere gegenwärtige Gesellschaft "Informationsgesellschaft", weil sich das mit dem "Glauben" nun endlich ändern soll. Der Name beschreibt eine "Wissengesellschaft", die Information und Wissen global verfügbar hält. Unsere wertvollste Eigenschaft, so glauben wir hiermit, ist unsere Intelligenz. Unsere wertvollste Ware, so glauben wir schon sehr lange, ist unsere Fähigkeit Wissen zu erbeuten, innovativ zu sein, Neues zu gestalten. Unsere wertvollste Eigenschaft ist nicht etwa- das möchten wir so nicht sehen- die uralte Fähigkeit an etwas steif, unbeirrbar und über Jahrhunderte hinweg zu glauben.

Dabei steckt in der eigentlichen großen Prophezeiung, in der Vision "Informationsgesellschaft" -wieder einmal- nur der uralte, steife und unbeirrbare Glaube an unsere eigene machtvolle und heilsbringende Intelligenz.



Quellen: Herbert Mark, Griechische Götter- und Heldensagen, Verlag Kremayr und Scheriau Wien

© birgit poppke ++ content-redaktion ++ programmierung ++49-69-74309863