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Informationsgesellschaft und andere Prophezeiungen
ARTIKEL VON BIRGIT POPPKE ibusiness/Hightext Verlag
In mykenischer Zeit war Delphi ein Heiligtum in
Griechenland, hier fand der Kult einer Schlange mit einer
Schlangenpriesterin und einem berühmten Orakel statt. Männer kamen, um
sich von der Priesterin Rat und Orientierung zu holen, denn es war eine unsichere Zeit mit
vielen Veränderungen.
4000 Jahre später ist wieder ein Zeitalter voller Prophezeiungen angebrochen. Aus der "Wissenschaft"
haben wir uns entfernt. Doch wenn wir nicht mehr "wissen", wie orientieren wir uns? Unser Zeitalter hat
seine eigenen Priester.
Am Anfang: Der Kommunikationsforscher...
... und die Gesellschaft ohne Orientierung.
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Glauben lernen und modular denken
Mehr Dimensionen gegen Linearität
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In die Zukunft sehen, aber von der
Vergangenheit lernen
Frauen können sich besser auf die Zuunft vorbereiten?
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Weiblichkeit ohne Thron
...und ohne Prophezeiungen!
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Beratung für die Zukunft
Was Management-Berater wirklich tun.
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Visionäre Tatkraft
Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht?
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* Am Anfang: Der Kommunikationsforscher
"Ich will Ihnen nicht zu nahe treten", sagt
mir Kommunikationsforscher Norbert Bolz am Telefon, "aber nicht die Gedanken der
immer einflußreicher werdenden Zukunftsberater und Trendgurus der Gegenwart sind
wichtig, sondern das Phänomen selbst; Warum haben sie derzeit so viel Erfolg,
warum sind sie so wichtig und verdienen so viel Geld?" Er empfiehlt mir, das
Ganze als etwas Religiöses zu sehen, als ein gesellschaftspolitisches Problem
der Orientierungslosigkeit.
Mit dieser Aussage könnte eigentlich schon
alles gesagt sein: Die Trendgurus der New Economy etablieren ein
Vielgötterei-System in einer Gott- und orientierungslosen Welt.
Wir haben gelernt zu glauben. Bevor wir etwas wirklich wissen, glauben wir es.
Wenn wir nicht an Gott glauben, glauben wir an den Kapitalismus oder die freie Marktwirtschaft,
an Schönheitscremes oder schnelle Autos, an unsere Intelligenz oder stiil und heimlich an Horoskope.
Wir glauben an die Freiheit, an Demokratie, Menschenrechte, Fairness oder Wahrheit.
Unsere Gesellschaftstruktur basiert auf einer Kultur des Glaubens. Unser Wirtschaftssystem auf den Glauben
an Geld, Technologie und Wissenschaft. Und inbesondere diese Glaubensrichtung hat
die Machtstruktur unserer westlichen Welt entscheidend geprägt: Sie hat uns systematisches,
lineares Denken gelehrt.
"Nichts ist uns heute mehr so fremd wie
lineares, strukturiertes Denken", sagt Bolz, der seine Studenten und
Studentinnen scharf beobachtet. Alles bekommt mehrere Dimensionen, es wird in
Fragmenten gedacht, in Modulen, der Abschied von den linearen Strukturen habe
bereits stattgefunden.
* Glauben lernen und modular denken
Es ist leicht nach zu vollziehen, dass eine
Entwicklung von linearen zu mehrdimensionalen Strukturen eine ausgeprägte
Orientierungslosigkeit in uns bewirkt. Aus einer Welt der Vielgötterei
stammend, würde eine lineare Sichtweise der Welt umgekehrt die Angst vor einer
starken Machtkonzentration in uns hervorrufen. Doch wir kommen aus einer
kontrollierten Welt, die alles Wissen sorgfältig in Kästchen packt, und
entwickeln uns in Richtung Unüberschaubarkeit und damit Machtlosigkeit.
Doch der neue - alles überstrahlende- Stern,
unser neue Sonne am Firmament, leuchtet schon: In der Morgenröte ist unser
globales Netzwerk, das Internet, für Glück, Erfolg oder Fluch der Zukunft
verantwortlich: Es transportiert Information, regelt Kommunikation und schafft
damit den "missing link" (die lang gesuchte Verknüpfung, Ossi Urchs) hin zu
einer neuen Gesellschaftsordnung, der Informations- bzw.
Kommunikationsgesellschaft.
Eng verbunden mit
dem Wesen des Apollon (Gott des Lichtes und des Heils) waren die Weissagungen
und die Orakelstätten, die Apollon in hoher Zahl besaß. Durch den Mund der von
ihm inspirierten Seherin sprach der Gott zu den Gläubigen. Oft mußte Apollon von
einem alten Orakel gewaltsam Besitz ergreifen, wie zum Beispiel in Delphi.
"Wir können die Hölle vermeiden, wenn wir
Fähigkeiten und Emotionen richtig einsetzen". Es ginge nicht darum, die Zukunft
zu prophezeien, sondern sich gut darauf vorzubereiten. Weil er solche klugen
Sätze sagt, gilt Matthias Horx als derzeit einflußreichster Zukunftsforscher im
deutschsprachigen Raum.
* In die Zukunft sehen, aber von der
Vergangenheit lernen
Er ist mehr als ein Guru, sagt mir Norbert
Bolz, er ist intelligent. Das Orakel sitze jetzt in Hamburg (das von Horx
gegründetes Trendbüro). Aus seinen reichhaltigen Schriften entnehme ich: Horx
scheint zu wissen, dass er nur eine seelische Stütze ist. Er beschwört die
Gefahren der Zukunft, bannt sie vielleicht sogar.
Als Apollon nach
Griechenland einwanderte, tötete er der Sage nach den Python (eine Schlange),
übernahm als Ablöser des Matriarchats die nun ihm dienende Schlangenpriesterin
Pythia samt allen überkommenden Bräuchen, einschließlich des heiligen
Nabelsteins, der Delphi zum Nabel der Welt machte.
"Um ihn herum sind viele Frauen", sagt mir
Christiane Friedemann, die für Matthias Horx das Frankfurter Zukunftsinstitut
leitet, "Er kommt besser mit Frauen klar und schätzt ihre Fähigkeiten hoch ein".
Das bestätigt er in vielen Interviews: "Frauen werden die Chefetagen stürmen,
sie sind besser ausgebildet, kommunikativer und fleißiger". Männer dagegen seien
dumm und faul.
Apollons Orakel
gewann für die damalige Zeit Weltgeltung. Die Fragesteller,- es waren nur Männer
zugelassen- badeten in einer Quelle, opferten und wurden in dann in das Adyton
(Tempel) geführt.
2000-5000 Euro Honorar oder mehr nehmen die
Management-Gurus, wenn sie zu den Key-Playern der Old Economy, den -
größtenteils männlichen- Vorständen dieser Welt sprechen: Ossi Urchs, Tim Cole,
Harald Summa, Paulus Neef, um nur einige (und die US-Gurus nicht) zu nennen,
sind anerkannte Experten des Internets und deshalb Priester der Zukunft.
Die Pythia thronte
auf einem Dreifuß über einem Erdspalt, aus dem betäubende Dämpfe qualmten und
gab in Ekstase die Antwort, die von Priestern in Verse gebracht wurde.
* Weiblichkeit ohne Thron
Weibliche "Trendgurus"(guruine? gura?) sind
im deutschsprachigen Raum immer noch schwer zu finden. Es gibt sie nicht, die
europäischen "Esther Dysons" und "Faith Popcorns" (zwei einflussreiche
amerikanische Trendforscherinnen- auch für US-Vorstandsetagen).
Nicht, dass sie ohne Visionen wären: Christa
Maar beispielsweise, Leiterin der Burda Akademie 3000, sieht in der kommenden
Wissengesellschaft einen Trend weg vom Wort hin zum Bild.
Jeanette Hofmann, deutsche Kandidatin für
den Icann-Direktoriumsposten der neu gestalteten Internet - Regierung, sagte
kürzlich in einem Interview: "Als Internetforscherin bin ich darauf
spezialisiert, die "Religionskriege" in der Technikentwicklung von allen Seiten
zu besehen. Mit meiner Kandidatur lasse ich mich darauf ein, öffentlich Farbe zu
bekennen und Verantwortung für meine Auffassungen zu übernehmen". Die Pythia
wird langsam zur Priesterin. Es geht ihr dabei vor allem darum, bewährte Formen
der Konsensbildung im Internet zu bewahren. "Die innovative Kraft des Netzes
bestand ja gerade darin, etablierte Macht- und Einflussstrukturen zu
unterlaufen", sagt sie im spiegel online.
"Die berühmte amerikanische (26-jährige) Dee
Dee Gordon ist eine Priesterin der Trendforschung", sagt mir Norbert Bolz,
"gehen Sie mal in einer ihrer Veranstaltungen, sie inszeniert sich wie in einem
Gottesdienst".
Sowohl Fälschungen
als auch Bestechungen sind nachgewiesen, was jedoch die Bedeutung Delphis für
Griechen und Nicht-Griechen nicht minderte. Befragungen privater, militärischer
und politischer Natur informierten die Priester über alles Geschehen in
Griechenland.
* Beratung für die Zukunft
Andersen Consulting, Mc Kinsey &
Company, Boston Consulting Group, Cap Gemini, die Unternehmensberatungen spüren
einem ebenso heftigen Aufschwung an Einfluß wie Gurus und Visionisten. Nicht ein
Tag vergeht, an dem nicht eine neue Studie den nebligen Horizont ein wenig
erhellen möchte. Die Studien versuchen empirisch nachzuweisen, was die
Trendgurus denken, sie sind klassische Zweitverwerter und Großverdiener in
einem. Der Wahrheitsgehalt ist dabei nicht entscheidend, kleine
Unübersichtlichkeiten, Unkorrektheiten bis zu Fälschungen sind scheinbar üblich.
"Informationen sind schnell. Wahrheit braucht Zeit", diesen Satz klaue ich von
der Webseite der Netz-Künstlerin Rena Tangens. Sie läßt sich ebenfalls für das
neue Icann-Internet-Diektorium aufstellen. "Wenn es für eine Start-up-Company
nicht reicht, dann gründet man eben eine Unternehmensberatung", urteilt Norbert
Bolz.
Immer war Delphi der
Kopf und das Herz Hellas und durch zahllose Weihegeschenke, Schatzhäuser und
dergleichen der reichste Ort Griechenlands.
Der Wert des Orakels liegt nicht an den
Inhalten der Aussagen (die großen Prophezeiungen des Mittelalters beispielsweise
konnten sogar mit der Androhung des Weltuntergangs massenweise Menschen
begeistern), sondern an der Art und Weise der Formulierung. Ein Trendguru, der
keine Sicherheit gibt, wo Unsicherheit herrscht, hat keinerlei Sinn, er hat
versagt.
Je mehr es deshalb den Visionären gelingt,
in ihren Aussagen die Gegenwartsform mit der Zukunftsform sprachlich sinnvoll zu
verbinden ("Frauen werden die Vorstandsetagen stürmen, sie sind besser
ausgebildet, sind kommunikativer...", Horx), also den gegenwärtigen Konsens, den
Status quo, mit einer Möglichkeit, einem starken Impuls zu verbinden, desto
erfolgreicher sind sie. Kopf und Herz, Beobachtung und Inspiration, die Pythia
und die Priester bilden starke Synergien.
* Visionäre Tatkraft
Diese Fähigkeit Altes mit Neuem zu
verbinden, ist aber auch unter dem Namen Kreativität bekannt. Sie ist auf
spiritueller und philosophischer Ebene sicherlich genauso legitim wie auf allen
anderen.
Die Entscheidungsgewalt bei allen Trends und
Visionen, was Aberglaube ist und was Glaube sein darf, kommt erfahrungsgemäß
sowieso nur einer Instanz zu: den Gläubigen.
Glauben also viele daran, dass der Kunde
durch das Internet endlich König wird (Tim Cole), so wird er das sicherlich bald
sein. Oder glauben alle, dass Langeweile unsere wirtschaftliche Zukunft tötet
und es deshalb wichtig ist "funky" zu sein (Ridderstrale/Nordström), so werden
wir bestimmt alle irgendwie "funky" sein. Glauben wir hingegen fest an die
Aussage, dass die Frauen das Geschlecht der Zukunft sind (was Matthias Horx und
Norbert Bolz sagen), und glauben immer mehr Menschen daran, dann werden, oh
Wunder, die Machtverhältnisse sich ändern und das Geschlecht der Zukunft wird
sicherlich weiblich sein, irgendwie. Das Phänomen der
"sich-selbst-erfüllenden-Prophezeiung" kennen wir jedenfalls, so glauben wir.
Wir nennen unsere gegenwärtige Gesellschaft
"Informationsgesellschaft", weil sich das mit dem "Glauben" nun endlich ändern
soll. Der Name beschreibt eine "Wissengesellschaft", die Information und Wissen
global verfügbar hält. Unsere wertvollste Eigenschaft, so glauben wir hiermit,
ist unsere Intelligenz. Unsere wertvollste Ware, so glauben wir schon sehr
lange, ist unsere Fähigkeit Wissen zu erbeuten, innovativ zu sein, Neues zu
gestalten. Unsere wertvollste Eigenschaft ist nicht etwa- das möchten wir so
nicht sehen- die uralte Fähigkeit an etwas steif, unbeirrbar und über
Jahrhunderte hinweg zu glauben.
Dabei steckt in der eigentlichen großen
Prophezeiung, in der Vision "Informationsgesellschaft" -wieder einmal- nur der
uralte, steife und unbeirrbare Glaube an unsere eigene machtvolle und
heilsbringende Intelligenz.
Quellen: Herbert Mark, Griechische Götter- und Heldensagen, Verlag Kremayr und Scheriau Wien
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