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Rettungsposten in tobender See - Über die Innovativste aller Branchen
ARTIKEL VON BIRGIT POPPKE Frankfurter Rundschau

Neu sind die Wörter. Neu ist das Gefühl. Neu ist die Überlegenheit der Jungen. So viel Neues, dass wir es fast nicht mehr aushalten! Wir schielen vorsichtig nach einer Kehrtwende. Ich will Sie beruhigen: Es gibt Dinge, die bleiben.

New Economy
Das Neue ist überall, beeindruckend und gefährlich...
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Informationen sind schnell, Wahrheit braucht Zeit!
Was steht hinter dem Schnellen? Natürlich das, was langsamer ist!
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Was die Weisen sagen...
...ist unsere Zukunft, oder?
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Dinge, die uns Halt geben...
...die sollten wir nicht ändern, oder?
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New Economy

Unsere neu-erfundene Informationsgesellschaft beschenkt uns jeden Tag mit wunderbaren Dingen. Die "New Economy" ist schon in aller Munde, die "Content Economy" (das Wort soll den Handel mit Web-Inhalten bezeichnen) wird gerade erfunden.

Für die ewig Rückständigen hat der Duden ein Wörterbuch der Szenesprachen herausgebracht. Das Besondere daran ist, dass das Medium Internet sinnvoll integriert wurde. Auf der Webseite www.szenesprachen.de können sogenannte "wordscouts" die trendigsten Wörter eintragen. Wordscout kann jede/r werden. Die Trendbegriffe werden von einer Redakteurin oder einem Redakteur redigiert und schon sind sie auf der Webseite zu lesen. So bleiben sie frisch.

Ich bin froh über eine solche Webseite: Sie erspart sicherlich vielen Menschen die Peinlichkeit, sich diese Wörter von ihren Kindern erklären lassen zu müssen (was ist eigentlich der Unterschied zwischen hip und hype?). Leider funktioniert das Ganze nur dann, wenn die "Kiddies" auf die Idee kommen, die gehüteten Szenewörter dem Duden zu petzen.

Das Internet beschert uns aber auch den Gründungsboom und die Start-ups und viele neue Berufe, die noch nicht geregelt sind.

Wunderbar, aber irgendwie verwirrend ist auch: Die ganz jungen Menschen haben endlich das Sagen. Denn sie haben gelernt mit einer Mouse umzugehen und sie wissen wie und mit wem sie im Internet gerne chatten (plaudern). So können sie den Erwachsenen wertvolle Tipps aus einer fremden Welt geben. Microsoft beispielsweise stellt 17-jährige als Berater ein. Sie sollen dem "Ober-Dino" sagen, wo es lang geht.

Das Innovativste an unserer neuen Gesellschaft ist jedoch die Geschwindigkeit! Endlich hat der Mensch die Zeitmaschine erfunden: Für ein Internet-Jahr werden sieben "normale" Jahre gezählt; eine glückliche Kursentwicklung, aber eine gnadenlose Hetze.

Bei all dem Neuen, was ich jeden Tag rasant zu verarbeiten habe, erfreut es mich, dass einiges noch beim Alten geblieben ist. Bei aller Dynamik, die mir den Boden unter den Füßen schwanken läßt, ist beruhigenderweise mindestens eine Stütze noch stabil und formgebend:

Informationen sind schnell, Wahrheit braucht Zeit

95 Prozent der Menschen, die zur Zeit mit Risiko-Kapital eine Idee rund um das Internet umsetzen, so lese ich, tragen einen Schlips. Untersuchungen zum Thema "Frauen in Führungspositionen" sprechen von einem Anteil von unter 14 Prozent Führungsfrauen bei mittleren und kleinen Multimedia- und Software-Betrieben. Das ist weniger als der Bundesdurchschnitt.

Zwar sind nach den neuesten Statistiken schon viele Frauen im Netz (ihr Anteil beträgt 30%-40%), doch in den Vorständen der New Economy herrscht das "Young-Boys-Network". Die Regel: "Je größer der Betrieb, um so kleiner der Anteil der Frauen in Führungspositionen", ist auch hier eine feste Bezugsgröße, aller Innovationsfreude zum Trotz.

"Informationen sind schnell, Wahrheit braucht Zeit", lese ich auf der Seite der Webkünstlerin Rena Tangens (www.tangens.de). Das ist vermutlich der Grund, warum wir uns diesen Rettungsposten in tobender See leisten.

Die Arbeitsatmosphäre soll in den Internet-Companies manchmal besser sein und die jungen Männer können sich zunehmend theoretisch vorstellen, Untergebener einer Frau zu sein. Es arbeiten viele Firmen (im kreativen Bereich) daran, den Vätern das Vatersein und damit der Mutter die Berufstätigkeit zu erleichtern, doch im großen und Ganzen beschützt uns Frauen die sogenannte "gläserne Decke" hier wie dort vor der Verantwortung und der Macht einer Führungsposition.

Was die Weisen sagen

Diese Erfreulichkeiten werden manchmal durch die Stimmen einflußreicher Management-Gurus gestört. Matthias Horx beispielsweise sagt jedem/r die es hören möchte, dass demnächst Frauen die Chefetagen stürmen werden. Er hat seine Hausaufgaben gemacht und gelesen, dass Frauen mittlerweile besser ausgebildet sind als Männer. Sie haben schlicht die besseren Noten in Schule und Universität und sie sind fleißiger. Männer seien, so übertreibt Horx, dumm und faul.

Dazu kommt, dass Kommunikationsforscher wie Norbert Bolz (Universität Essen) behaupten, Frauen wären für das kommende Kommunikationszeitalter besser gerüstet. Die sogenannten "soft skills" (Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit), die überwiegend Frauen zugesprochen werden, seien genau das, was die Neuen Medien brauchen. Dazu komme die Fähigkeit mehrdimensional und nicht linear zu denken und noch wichtiger, die Gabe, Altes mit Neuem zu verbinden, also Kreativität.

Dinge, die uns Halt geben

Da ist es beruhigend, dass dieses "Rüstzeug" von den Frauen selbst noch kaum genutzt wird. Zumindest nicht zu einer wesentlichen Einflußnahme. "Informations- oder auch Kommunkationsgesellschaft" ist immer noch etwas für Informatiker, Programmierer oder seit Neuestem auch für New Economy-BWLer.

Ein Studium der Informatik gilt denn auch als Eintrittskarte in das Rettungsboot "Zukunft". Beruhigend daran ist, dass Frauen nicht gerne Informatik studieren. Sie mögen es einfach nicht. Nur jeder siebte Informatik- Studienanfänger ist eine Frau.

Beruhigend ist nicht zuletzt auch, dass sich Frauen mit Computer-Gebrabbel kombiniert mit einem Schlips nicht sonderlich gut identifizieren können. Sie vergessen auch, ihre Ellbogen auszupacken und an dem Rennen teilzunehmen. Sie mögen es nicht, in Software-Codes herumzuwühlen, selbst wenn ihnen gesagt wird, dass sie es gut könnten. Empörend ist auch der hohe Aufforderungscharakter, der in Aussagen wie "Frauen sind für das kommende Kommunikationszeitalter besser gerüstet" steckt. Und auch dem starr auf die Börsenkurse gerichteten Blick können Frauen nicht viel abgewinnen. Es gibt so viel auf der Welt zu sehen, dass so unangenehme und drängelnde Dinge wie das Internet, das penetrant unsere Zukunft prägen will, ruhig noch ein bißchen warten können.

Und solange das so ist, ist eine irritierende aktive Einflußnahme auf entscheidender Ebene unserer Kommunikationsgesellschaft von Seiten der Frauen nicht zu befürchten. Es bleibt alles beim Alten. Irgendwie beruhigend.

BP 2000