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Das Problem der Orientierung im Web
ARTIKEL VON BIRGIT POPPKE

Texte dienen auch im Web der Informationsvermittlung. Doch haben Online-Texte auch noch andere Aufgaben zu bewältigen, die neu sind: Sie sollten nicht nur stilistisch dem Medium angepasst sein, sondern sie müssen in einer non-linearen Welt auch Orientierung bieten. Um die Sensibilsierung für diese neuen Anforderungen geht es in diesem Artikel.

Wieviele Informationen möchte ich?
In diesem Abschnitt geht es um die Quantität der Informationen eines Text und wie entscheidend das Wissen um Textumfang und Texttiefe bei der Rezeption eines Textes ist. [mehr]

Welche Informationen finde ich?
Hier wird darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, die Qualität und Darstellungsweise eines Textes darzustellen. [mehr]

Wo bin ich eigentlich?
In einer non-linearen Welt können wir uns schnell verirren, wenn wir nicht wissen, wo wir gerade sind. Online-Texte müssen "Ortsangaben" machen. Davon handelt dieser Abschnitt. [mehr]

Wichtige Ergebnisse aus Usability-Studien
Was ist wichtiger bei einem Online-Text, der Text selbst oder vielleicht ein begleitendes Bild? Acht wichtige Merkmale zur Darstellung von Texten sind hier kurz zusammengefasst. [mehr]

Exkurs: Die fünf Gesetze des Sehens
Was sollten wir grundsätzlich bei der Darstellung von Texten beachten: Fünf wichtige Gestaltungsgesetze. [mehr]

Zusammenfassung

Webseitenrezeption
Hier gehts zum schlecht-rezipierbaren Text


Langtext:
Wieviele Informationen möchte ich?
Was uns vor allem irritiert: Einer Website lässt sich nicht ansehen, welches Informationsvolumen sie anzubieten hat. Es gibt keine Seitenzahlen, der Click auf einen Link lässt uns im Unklaren wie viel Information uns dahinter erwartet. Ist es ein dicker Schinken oder dünnes Blättchen? Die Nutzer/in kann sich schwer einen quantitativen Gesamtüberblick verschaffen.

Bei Zeitungen kann die Textlänge schnell erkannt werden im Web wird es meist intuitiv abgeschätzt. Entsprechend fällt der Online-Lektüre Einstieg im Vergleich zu Print-Texten deutlich schwerer, ohne sichtbare Textlängen oder geschätzte Nutzungsdauer fehlen wichtige Entscheidungsgrundlagen.

Jedem Medienkonsum geht demnach die Frage voraus, ob ein zur Nutzung in Frage kommendes Angebot für die jeweiligen Interessen geeignet ist. Bei der Auswahl aus einer Reihe von Texten spielt neben anderen Aspekten auch die Textlänge und die Relation zur Länge anderer Texte eine wichtige Rolle. Je besser und schneller eine Medium diese Relativ-Informationen vermittelt, desto schneller kann aus den angebotenen Texten ausgewählt und mit der Lektüre begonnen werden.

Welche Informationen finde ich?
Dazu kommt, dass kaum verlässlich einzuschätzen ist, ob eine Site oder ein bestimmter Text für die jeweiligen Informationsbedürfnisse wirklich geeignet ist. Neben der Länge haben wir meist keine Information zu Informationstiefe und Qualität. Auch um eine Quellenangabe zu finden müssen wir, wenn wir einen Teaser lesen, meist erst auf mindestens einen Link klicken.

Somit unterstellen wir zwangsläufig, dass an anderer Stelle möglicherweise ein noch besseres oder passenderes Informationsangebot existiert. Auswahlentscheidungen werden im Web deshalb meist unter starkem Vorbehalt getroffen und, -wie aus vielen Logfiles abzulesen ist, -entsprechend schnell revidiert. Aus diesen Gründen scheinen Web-User/innen immer auf dem Sprung zu sein.

Wo bin ich eigentlich?
Dazu kommt, dass die Mediengattungsgrenzen aufgehoben werden: Hörbares, Sehbares, Bewegtes sind miteinander verbunden. Sobald Informationseinheiten nicht mehr physisch miteinander verbunden sind verlieren die einzelnen Module ihre Zusammengehörigkeit. Informationseinheiten zerfallen und müssen auf anderem Weg "zusammengebunden" werden!

Es gibt bei einem Printbeitrag einen physikalisch begrenzten Textraum, der über Inhaltsverzeichnis, Ressorttitel und nicht zuletzt über Seitenzahlen erschlossen und zugänglich ist. Eine festgelegte Reihenfolge ist im Web nicht mehr existent. Sie wird durch eine individuell definierte Seitenabfolge abgelöst. Je nach Reihenfolge der aufgerufenen Seiten kann der Inhalt völlig anders als gewollt aufgenommen werden. So wird eine Verortung schwierig. Wo wir gerade sind, wo wir bereits gewesen sind, und in welche Richtung wir steuern möchten, muss uns ein sicheres Konzept verraten.

Wichtige Ergebnisse aus Usability-Studien
In den letzen Jahren sind unzählige Studien zum Thema Webrezeption entstanden. Oft haben sie kommerziellen Charakter und sind methodisch schwer zu kontrollieren. So sind die wichtigsten Fragen in diesem Bereich weiterhin unerforscht. Hier sind dennoch einige Ergebnisse zusammengefasst, die, da sie immer wieder unabhängig voneinander auftauchen, als Richtlinien für eine Online-Redaktion angesehen werden können. Untersucht wurde vor allem: Was erregt die Aufmerksamkeit und wie lange? Und: Wie orientieren sich die Menschen im Web?

· Als Eyecatcher zum Einstieg in eine Internet-Nachricht ist Text wichtiger als Grafik. (sagt z.B. auch das Poynter Institutes, Stanford University) Festgestellt wurde dies mittels eines so genannten Eye Tracking Systems, mit dessen Hilfe die Augenbewegungen von rund 70 Proband/innen über jeweils 40 Stunden beobachtet wurden.

· Im Printmedium hingegen werden Bilder vor Headlines beachtet: Kann das Bild Interesse wecken, wandert der Blick zum Fließtext, andernfalls erfolgt Kontaktabbruch (eResult).

· Eine farbliche Hervorhebung der Links steigert deren Betrachtungshäufigkeit. In Anbetracht der Wichtigkeit von Verweisen im Web hat diese Erkenntnis eine grosse Bedeutung.

· In der Orientierungsphase (man spricht von 3-8 Sekunden) ist die Blickrichtung die Folgende: Von oben nach unten und von der Mitte nach Links.

· Webnutzer/innen, die gezielt nach Informationen suchen, betrachten Navigations- und Orientierungselemente häufiger und länger als ziellos surfende Personen. Diese betrachten hingegen Bilder häufiger und länger.

· Obwohl das Web sehr jung ist, gibt es bereits eindeutige Platzierungserwartungen für Content: Eine Linkliste wird links oder rechts am Rand des Textes erwartet. Ein Newsticker (Aktuelles) wird in der oberen Mitte der Seite erwartet.

· Zielgruppendifferenzierung: Unerfahrene Webnutzer/innen beachten Werbebanner in den ersten Sekunden intensiver. Sie betrachten jedoch den linken Seitenrand weniger intensiv als erfahrene Nutzer.

· Frauen legen statistisch bedeutsam mehr Wert auf eindeutige Rubrikenbezeichnungen und aussagekräftige Überschriften.

Exkurs: Die fünf Gesetze des Sehens
Im Web ist besonders die Orientierung ein Problem: Wie gestalten wir Texte und Textbausteine, z.B. Linkkästen, so, dass sie die einer guten Orientierung dienen?

1 Gesetz der Nähe:
Was nahe beieinander ist, wird als zusammengehörig wahrgenommen: was einander fern ist, wird als nicht zusammengehörig wahrgenommen.

2 Gesetz der Ähnlichkeit:
Ähnliches oder Gleiches wie als zusammengehörig Unähnliches beziehungsweise Ungleiches wird als nicht zusammengehörig wahrgenommen.

3 Gesetz der Geschlossenheit:
Was durch Linien zusammengeschlossen - also geschlossen ist - wird als zusammengehörig wahrgenommen. Was nicht durch Linien zusammengeschlossen, also offen ist, wird nicht als zusammengehörig wahrgenommen. Bitte beachten: Auch Weißräume können Linien formen.

4 Gesetz der Erfahrung:
Ähneln Formen einer bekannten Form, dann werden sie bevorzugt wahrgenommen. Ähneln Formen keiner bekannten Form, dann werden sie nicht bevorzugt wahrgenommen.

5 Gesetz der guten Gestalt:
Es werden bevorzugt solche Formen als Figur bzw. als Gestalt aufgefasst, die insgesamt einen einfachen, voraussehbaren und gesetzmäßigen Verlauf aufweisen. Formen, die kompliziert, nicht vorhersehbar und gesetzmäßig verlaufen, werden weniger als Gestalt aufgefasst.



Zusammenfassung
· Lesen am Bildschirm ist anstrengender.
· Textausschnitt ist kleiner, Auflösung und Farben strengen die Augen an.
· Für ein und denselben Text wird 25 Prozent länger gebraucht. Statt vier also fünf Minuten (Quelle: Marktforscher Jacob Nielsen).
· Mit Text und Navigation haben Online-Redakteur/innen neue Aufgaben zu meistern: Sie müssen grundsätzliche Orientierungsaufgaben übernehmen.